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Die Welt dazwischen ...

Aktualisiert: Jan 6

Ein Atelier-Gespräch mit der KünstlerinLinda Nadji (Auszug)





FEY YA Z (F): Deine Arbeiten transportieren die Idee von Leichtigkeit und Schwere anscheinend als Kontrast gleichermaßen. Ich sehe hier vor mir diese Arbeiten aus Beton in Form von Koffern oder Handtaschen, die normalerweise eher leicht sind. Was bedeutet für Dich diese Idee von Gewicht?


Linda Nadji(LN): Solche Betongüsse habe ich bereits im Studium angefangen. Komme aber gern immer wieder darauf zurück und entwickle neue Varianten. Taschen oder Koffer sind in un-serem Alltag so gegenwärtig, und wir nutzen sie, um in unserer Mobilität und Bewegung Persönliches zu transportieren. Beweglich und unterwegs zu sein waren ja bis vor kurzem selbstverständlich und standen für Aktivität, Reiselust, Status und Erfolg. Aber auch das Gefühl von Haltlosigkeit oder rastlos zu sein ste-cken in dem Drang, immer unterwegs sein zu wollen. Eine Art Flucht vor dem Hier und Jetzt, vor sich selbst oder dem Gegebenen. Mich hat interessiert, einen Gegenstand, der für Mobilität steht, mit einem Material zu verbinden, das hauptsächlich für das Bauen von Immobilien benutzt wird und mit Stabilität, Sicherheit und Festigkeit somit auch mit Schwere in Verbindung gebracht wird. Mich reizt die Verknüpfung von Gegensätzen. So kommen Fragestellung auf wie: „Was steckt eigentlich hinter diesen ganzen Bewegungen, die wir machen?“ Ich denke, dass Menschen, die ständig zwischen Dingen hin und her switchen müssen, eine permanente Unruhe erfahren. Die Schwere, das Gewicht kann zum Innehalten einladen, zur Entschleunigung, zum Ankommen.


F: Kann man also sagen, dass deine Betonarbeiten als Sinnbild für die Idee der Mobilität stehen, die gleichsam auch eine gewisse Schwere in sich tragen, die man in Kauf nimmt, obwohl man sich bewegt oder sich bewegen muss?


LN: Ich denke schon. Es kann mit einem Druck verbunden sein immer unterwegs und permanent in Bewegung sein zu müssen, ob von Aussen oder von Innen bestimmt. Aber ich glaube, dass den meisten Menschen diese Schwere oder die Erschöpfung, die darin steckt, gar nicht bewusst ist. Aber grundsätzlich bieten diese Arbeiten ganz einfach eine Fläche zur eigenen Projektion und Wahrnehmung des Betrachters. Ich selbst finde sie auch humorvoll und poetisch. Und je nachdem, wie uns der Alltag prägt, wie z. B. Konsumgesellschaft, Flüchtlingswelle oder jetzt die Pandemie, kann man diese Arbeiten auch dementsprechend lesen ...


F: Wenn man Flüchtlingsströme beobachtet, sieht man, dass Menschen auf der Flucht oder auf diesen „Reisen“ versuchen, so viel „Mobiliar“ wie möglich mitzunehmen, und diese Gegenstände müssen tatsächlich mobil sein, noch tragbar sein.


LN: Ja, es ist die Frage „Was man alles mitnehmen kann und was ist überhaupt der Sinn des Mitnehmens, des Tragens?“. Es geht dabei nicht nur um das Äußerliche. Wir tragen ja auch unsere ganzen Erinnerungen und Erfahrungen in uns und nehmen sie mit von Ort zu Ort. Was für eine Last trägt ein jeder von uns? Wie gehen wir mit unserer Last um? Was legen wir vielleicht auch wieder ab? Was macht uns schwer und was leicht?!


F: Und was ist mit diesen Drucken hier an der Wand? Sie haben eine architektonische Anmutung. Wie gliedern sie sich in diese Welten ein?


LN: Die Holzschnitte, habe ich in der Phase des ersten Lockdowns angefangen. Ich nenne sie „Plants and Portraits“. Die Formen sind sehr frei, aber lehnen sich einerseits an persischer Miniaturenbilder mit ihrer zweidinemsionalen Darstellung von Pflanzen und Architektur und andererseits an die alt - europäische Porträtmalerei an und verbinden diese auf ihre eigene Art. Nur der Titel der Serie verrät dieses „dazwischen“ ... wie gesagt, es könnte eine Landschaft sein, es könnte auch ein Portrait sein, es könnte aber auch gar nichts sein.


F: Du benutzt auch runde Formen, dennoch erscheinen sie mir vielleicht hintergründiger. Ich sehe auch, dass du nicht Ausschau hältst nach einer wilden amorphen Form. Bei dir hat alles Kante und Struktur.


LN: Ich würde sagen, dass es Grundformen sind, sei es Kreis, Quadrat, Dreieck, die immer wieder in meinen Arbeiten vorkom-men und sich wiederholen. Es sind genau diese Grundformen, die in der Architektur und in Mosaiken vorkommen, die ein Muster bilden, eine Struktur, die sich bei meinen Arbeiten aber auch immer wieder gern auflöst und ausbricht... Ich orientiere mich an gegebenen Formen, breche sie aber gerne auf, bewege mich gern dazwischen. Zwischen der Strengen Form und einer Auflösung dieser. Zwischen dem Schweren und der Leichtigkeit... Ein ständiges Hin und Her und Auf und Ab. Wie diese kleine Schriftarbeit, die sich ins Unendliche wiederholen könnte: So leben wir beide also zwischen den Welten, eigentlich ein schöner und natürlicher Vorgang?


LN: Es ist auf irgendeine Art immer dazwischen, es ist beides und keins. Oder besser, ein sowohl als auch. Mehr Info: lindanadji.com


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