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Möbelkultur gestern, heute, morgen…



Ein Beitrag über die Geschichte der Möbelkultur, angefangen von der industriellen Revolution, hin zum Bauhaus, über die bewegten Nachkriegsjahre zweier Weltkriege des 20. Jahrhunderts, bis hin zu unserer heutigen Zeit, in der ein Slogan wie „Geiz ist geil“ sogar die Möbellandschaft so sehr prägte wie kein anderer Leitsatz aus der Werbung.


von Sebastian Vogler


Zu allen Zeiten gehörten Möbel zum Leben der Menschen. In vorindustriellen Zeiten zimmerten sich Bauern und Handwerker ihr Mobiliar oft selbst zusammen, wohingegen es dem Adel vorbehalten war, sich mit Unikaten aus Edelhölzern und feinsten Stoffen einzurichten. Erst mit Beginn der industriellen Revolution wurden Möbel – so wie wir sie heute kennen - im größeren Stil in Fabriken und Manufakturen hergestellt. Das aufkommende Bürgertum versuchte dabei den Lebensstil des Adels zu imitieren und so waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts historisierende Einrichtungsgegenstände in Mode. Diese wurden bereits zu jener Zeit mit Anzeigen in Tageszeitungen oder in Katalogen angepriesen. Der Jugendstil sollte eine Gegenbewegung sein. Der Ausdruck Jugendstil ging zurück auf die 1895 gegründete illustrierte Kulturzeitschrift „Jugend“ und ist zu verstehen als eine Gegenbewegung junger Kunsthandwerker zum rückwärtsgewandten Historismus, aber auch zur als seelenlos verstandenen Industrialisierung.


Der Blick richtete sich auf neue Materialien, wie Beton oder Eisen, und auf neue Baumethoden. Florale und andere der Natur entlehnte Elemente prägten den Jugendstil. Aber auch dieser neue Stil, der später ins Art Deco überging, wurde schließlich kommerziell imitiert und in großen Mengen produziert. Nach dem ersten Weltkrieg kam als Gegenbewegung zum verspielten Jugendstil und Art Deco der Bauhaus -Stil auf. Das Bauhaus war eine 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule. Nach Art und Konzeption war es damals etwas völlig Neues, da das Bauhaus eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk darstellte. Die Möbelwerkstatt war eine der ersten Werkstätten am Bauhaus. Geleitet wurde sie anfangs von Walter Gropius. Nach dem Wechsel des Bauhauses nach Dessau 1925 übernahm Marcel Breuer die Leitung. Er war einer der ersten Gesellen der Werkstatt. In Weimar wurden die Möbel zunächst traditionell -handwerklich gefertigt und waren vom Expressionismus der frühen Weimarer Zeit des Bauhauses geprägt. Mit seinem konstruktivistischen Lattenstuhl „ti 1a“ begann die Hinwendung der Möbelwerkstatt zu Typenmöbeln aus standardisierten Bauteilen. Die Werkstatt entwarf vor allem Prototypen, die für eine industrielle Produktion vorgesehen waren. Außerdem stellte sie Möbel in Kleinstserien her.



Zu bekannten Produkten zählen die ab 1925 von Marcel Breuer entwickelten Stahlrohrmöbel, wie der Wassily Chair. Die Resonanz des Bauhauses hält bis heute an und prägt wesentlich

das Bild modernistischer Strömungen. Viele Möbelstücke aus dieser Zeit werden nach wie vor in Lizenz produziert. 10 Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Menschen eine tiefe

Sehnsucht nach einer heilen Welt. Das spiegelte sich in den Möbeln der 50er und 60er Jahre wider: Sie waren pastellfarben oder sogar knallbunt. Clubsessel und Nierentische waren

populär; aber auch Designklassiker, wie der Lounge Chair von Charles Eames entstanden. Speziell die 60er Jahre waren geprägt von einer stärkeren Sachlichkeit „Form follows Function“ und der Verwendung neuer Materialien, wie z.B. Kunststoff.



Ein Beispiel hierfür war der Panton-Chair, der 1967 von Verner Panton entwickellt wurde. Der Stuhl ist der erste seiner Art, der aus einem Guss aus Plastik besteht und auch stapelbar

ist. Mit der Flower-Power-Bewegung der 70er Jahre hieltenknallige Farben, wie z.B. Rot, Grün, Orange und Braun Einzug in die Wohnzimmer. Samt und Cord waren die Bezugstoffe

der ersten Wahl. Aber es entstanden in dieser Zeit auch Design-Klassiker wie das Modulare Sofasystem Mah Jong von Roche Bobois oder das Sofa Togo von Ligne Roset, die auch

heute noch verkauft werden. Neben dem Revival des Bauhaus-Stils war der Memphis -Stil prägend für die 80er Jahre. Die Designer Michele De Lucchi, Matteo Thun und Ettore

Sottsass wandten sich mit ihrer Gruppierung Memphis gegen die gängige Praxis, dass allein Auftraggeber über das Was,Wann und Wie von Produkten bestimmen konnten. Mit ihren

individuellen künstlerischen Impulsen irritierte und verstörte die Mailänder Designgruppe die internationale Szene nachhaltig. In dem von Ettore Sottsass entworfenen Regal Carlton

vereinen sich zahlreiche für Memphis typische Stilelemente: bunt laminierte Regalböden, der fast völlige Verzicht auf rechte Winkel, die verspielte Ästhetik und das unzweckmäßige Design verwischen die Grenze zwischen Möbelstück und Skulptur. Das zerlegbare Regal ist eines der bekanntesten Memphis Designobjekte und wird bis heute hergestellt.


Das neue Jahrtausend wurde nachhaltig durch den Slogan „Geiz ist geil“, der erstmals 2002 vom Elektronikmarkt Saturn verwendet wurde, geprägt. Geiz galt neuerdings nicht

mehr als eine unangenehme, etwas peinliche menschliche Eigenschaft. Kunden und Kundinnen erwarteten Rabatte, und wenn sie diese nicht bekamen, forderten sie diese ein. Auch die Möbelbranche änderte sich. Der Branchenriese Ikea war per se bekannt für seine preisgünstig produzierten Möbel und seinen Verkauf ohne Service. Mittelständische Möbelhäuser bedienten den Trend mit immer mehr aggressiver Werbung mit Rabatten. 20%, 35% und 50% Rabatt auf alles Mögliche. Immer mehr Möbelhäuser bauten Filialen auf der grünen Wiese, in Vororten, und die Flächen wurden immer größer. Qualität, faire und ökologich unbedenkliche Produktion – das waren entbehrliche Tugenden. Produziert wurde dort, wo es am billigsten ging. Der Kunde verlangte es ja genau so. Dabei merkt dieser nicht, dass die Möbelstücke vor der Rabattaktion entsprechend höher ausgezeichnet wurden.


Seit den 2010er Jahren gibt es wieder ein Bedürfnis nach Qualität und einen erhöhten Anspruch auf Nachhaltigkeit. Es gibt deshalb positive Beispiele, die wir als Illustration zu diesem Beitrag zeigen. Firmen, die stylische Möbel in Europa nach europäischen

Standards produzieren, anständige Löhne zahlen und Materialien verwenden, die sich recyclen lassen. Die auch bei der Verpackung daran denken, Recyclingpappe zu verwenden.

Schöne Möbelgeschäfte, die derartige Möbel verkaufen, finden sich z.B. auf den Kölner Ringen, der sogenannten „Möbelzeile“. Möglicherweise sind diese Geschäfte teurer, aber

die Möbel, die dort verkauft werden sind auch langlebiger und somit nachhaltiger.


Fotos:

Knoll - 375 Relaxchair

Vitra: Charles Eames - Lounge Chair & Ottoman XL

Vitra: Verner Panton - Panton Chair


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