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MODE 68Mini, sexy, provokant _____



Ende der 1960er Jahre erlebte die Bundesrepublik die größten gesellschaftlichen, kulturellen

und politischen Umwälzungen seit ihrer Gründung. Der Wandel vollzog sich in allen Lebensbereichen - besonders sichtbar auch in der Kleidung - und er kam nicht plötzlich, sondern hatte sich über Jahre angebahnt. 1968, das Jahr, in dem sich die Studentenunruhen zuspitzten, war in vielerlei Hinsicht der Höhepunkt dieser Entwicklung und wurde zum Symbol für diese Veränderungen. Die Ausstellung „Mode 68. Mini, sexy, provokant“ des LVR-Industriemuseums zeigt in der Tuchfabrik Müller in Euskirchen, wie sich die Kleidung in den 1960er und frühen 1970er Jahren wandelte.


Alles anders!

Keine Dekade zuvor bot dem Einzelnen so zahlreiche und differenzierte Möglichkeiten des Konsums, der persönlichen Entfaltung und Individualisierung, aber auch der politischen Teilhabe. Gesellschaftliche Normen wurden gelockert; eine individuelle, freiheitliche

Lebensgestaltung und ein neues Lebensgefühl schienen plötzlich möglich. Nicht alle waren begeistert vom Wertewandel der Gesellschaft. Es herrschte Spannung zwischen konservativen, eher beharrenden Kräften und solchen, die die Modernisierung der Gesellschaft vorantrieben. Was die einen schätzten, empfanden andere als Bedrohung. Das spiegelte sich auch in der Kleidung wider.


Weg mit Schlips und Kragen

Konträrer hätte die Mode kaum sein können: Statt damenhafter Eleganz und Haute Couture waren Minirock und Maxikleid, Hotpants und Schlaghose, Space -Look und Hippieoutfit, asymmetrischer Kurzhaarschnitt und wilde Mähne angesagt. Und nicht zu vergessen: Parka und Jeans. Damenhafter Schick war ebenso out wie Schlips und Kragen. Was war passiert? Auch im Bereich der Mode machte sich der neue Einfluss von Teenagern und Studenten

bemerkbar. Diese neue junge und auch kaufkräftige Generation konnte und wollte sich mit dem Kleidungsverhalten und der Mode ihrer Eltern nicht mehr identifizieren.


Neue Vorbilder

Neues Leitbild wurde die Jugendlichkeit, und das hat bis heute nicht seine Gültigkeit verloren. Vorbilder für Mode wurden nun auf der Straße gesucht, in den Jugendkulturen der Nachkriegsbabyboomer und der entstehenden anglo -amerikanischen Popkultur.

Die neuen ‚It -Girls‘ waren Models wie Twiggy und Jean Shrimpton mit kindlich-mädchenhaftem Look. Auch die angesagten Pop-Stars prägten die Mode wie nie zuvor – allen voran die Beatles, die Rolling Stones und Jimi Hendrix. Auch von der modernen Kunst,

der Pop-Art und Op-Art, ließ sich die Mode inspirieren. Seit dem ‚Summer of Love 1967‘ kam die Mode der Hippies hinzu. Sie brachten von ihren Reisen in ferne Länder auf der Suche nach Spiritualität und Abenteuer, vor allem Indien und Lateinamerika, bunt gemusterte Gewänder und Schmuck mit, die sie in kreativer Weise mit anderen Stilen mischten. In Solidarität mit unterdrückten Völkern trugen sie Kleidung der Indianer oder südamerikanischer Ureinwohner.


Gegen das Establishment

Kleidung war jetzt oft als politisches Statement gemeint. Der Che-Guevara-Stern am Barett verriet Zugehörigkeit zu den Linken. Hippiegewänder waren von der Friedensbewegung geprägt. Minirock, Hotpants und Bikini galten als Statement für sexuelle Befreiung – wobei man Befreiung nicht mit Emanzipation verwechseln sollte. Und die Polit- und Studentenszene der 68er? Rudi Dutschke? Welche Rolle spielte Mode bei ihnen? Den meisten war Kleidung zunächst offenbar egal. In Anzug und Hemd hielten sie ihre Reden in den Hörsälen, diskutierten und gingen zur Demo. Erst allmählich übernahmen sie die neue Kleidung der Jugendkulturen, tauschten Anzughosen gegen Jeans, das Hemd gegen Rolli. Nur die ‚Kommune1‘ inszenierte den Protest ganz gezielt mit provozierenden Outfits.


Geschlechterrollen

Vielen war die neue Kleidung ein Dorn im Auge. Zu schlampig, zu unordentlich, zu politisch, zu freizügig, zu liberal. Jugendliche wurden als Gammler beschimpft; am Thema der langen Haare zerstritten sich viele Familien. Als Jungen mit langen Haaren plötzlich wie Mädchen aussahen, schienen sie die Geschlechterordnung und damit gleich die Gesellschaft zu bedrohen. Die Mädchen fanden diese Jungs aber attraktiv und vermuteten einen neuen

Typ Mann hinter der neuen Fassade: zugewandt, rücksichtsvoll, eben kein Macho. Dass sie sich da geirrt hatten, merkten sie im Laufe der Studentenunruhen. Die Männer, die für eine bessere Welt kämpften, machten allein ihr Ding, ließen die Frauen Kaffee kochen und die Kinder versorgen. Kein Wunder, dass sich Widerstand regte und sich seit 1968 die Frauenbewegung formierte. Und mit ihr entstand wiederum ein neuer Kleidungsstil, der sich

von dem kindlich-mädchenhaften und sexy Stil der 60er Jahre deutlich unterschied.


Die Ausstellung

Auf etwa 600 Quadratmetern warten in der Ausstellung „Mode 68. Mini, sexy, provokant“ mehr als 150 Originalkleidungsstücke und Accessoires aus der umfangreichen museumseigenen Textilsammlung auf die Besucherinnen und Besucher. Sie werden

durch exklusive Leihgaben von Modesammlerinnen und Zeitzeugen ergänzt. Zusammen mit umfangreichem Bild- und Filmmaterial aus der Zeit lassen sie die bewegten Sechziger zwischen Protestbewegung, Swinging London und Flower -Power wieder lebendig werden.


LVR-Industriemuseum

Tuchfabrik Müller

Carl -Koenen-Straße 25 | 53881 Euskirchen

industriemuseum.lvr.de







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