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Tilo Prückner



Eine Erinnerung von Anita Elsani


„ Unerwartet und plötzlich bis Du weg … Du Rock ’n’ Roller, Revoluzzer und Hippie! Es war mir eine Ehre, mit Dir zu arbeiten! Kein anderer verstand die Komödie so wie Du und war so voller Energie, Ideen und Tatendrang. Für eine Sause warst Du immer zu haben … ein loyaler Freund und guter Zuhörer! Wir werden Dich schmerzlichst vermissen … Ein Hoch auf Dich!“


Tilo wollte immer Spaß haben bei jedem seiner Projekte und war immer überaus engagiert. Und hat immer mitgedacht, nicht nur für seine Rollen, sondern auch für die der Kollegen. Es ging immer um das große Ganze. Immer eine Herausforderung für einen Regisseur,

den routinierten Schauspieler einzufangen, der so ein feines Gespür für Figuren und Dialoge hatte. Wir begegneten uns zu unserem Projekt ANDUNI - FREMDE HEIMAT, wo er einen türkisch-armenischen Rentner spielte. Tilo war sich nicht sicher, ob er das tun sollte, denn schließlich war er doch Bayer! Die Regisseurin überzeugte ihn schließlich, und ich war

sehr froh, einen so erfahrenen Schauspieler gewonnen zu haben. Ab jenem Zeitpunkt arbeitete er akribisch an seinem türkischen Akzent, bat einen türkischen Freund, die Dialoge einzusprechen, die er sich aufnahm, um sich diesen Akzent dann anzueignen. Tilo war ein sehr guter Beobachter, und schon bald übernahm er auch einige sehr typische türkische Gesten, die er nicht übertrieben einsetzte und immer wieder auf den Punkt brachte. Der Höhepunkt waren die Dreharbeiten in Armenien und am Ararat. Tilo engagierte einen Fahrer und erkundete Jerewan und Umgebung. Er war begeistert von diesem Land, zeigte immer wieder auf leerstehende Gebäude und meinte: „Schau mal! Da könnte man elsani film Jerewan gründen.“ Immer auf zu neuen Abenteuern und nie müde oder einfallslos. Nach den Dreharbeiten schrieb er eine Geschichte, die in Armenien spielte und die von den Orten, die er besuchte hatte, inspiriert war. Das war der Beginn nicht nur einer inspirierenden Zusammenarbeit, sondern auch einer Freundschaft, die 10 Jahre dauern

sollte. Zwei Jahre später bot ich ihm eine Rolle in dem Fernsehfilm HOLGER SACHT NIX an. Tilo sollte die große Nebenrolle spielen, die ein wirklich ausgebufftes Gefühl für Timing benötigte, und ich wusste, dass er diese Rolle hinreißend spielen würde. Er rief mich an und sagte: „Ja, den General spiele ich Dir, aber ich könnte auch den Holger spielen! Ich kann auch emotional!“ Er hat sich regelrecht um die Hauptrolle beworben und konnte natürlich

überzeugen. Und wie immer sollte er Recht behalten: Er hat diese Rolle voll ausgefüllt und war nicht nur komisch, sondern auch emotional. Der Film wurde ein Zuschauererfolg und hat bei jeder Ausstrahlung dem Sender hervorragende Quoten beschert. Als der Sender diesen Film zu seinem Tod am 08. Juli 2020 erneut ausstrahlte, konnte der Film eine sensationelle Quote von 17,7 % holen und erreichte damit weit über 5 Millionen Zuschauer. Es sollte 9 Jahre dauern bis wir unser drittes gemeinsames Projekt realisieren konnten. ALTE BANDE, ein Film mit Tilo Prückner und Mario Adorf in den Hauptrollen. Eine Konstellation, die schon

in den 70er Jahren sehr erfolgreich mit dem Kultfilm BOMBER UND PAGANINI gewesen war.

Aber bis zu diesem Projekt vergingen Jahre, in denen wir Kontakt hielten und uns immer wieder austauschten, wenn Tilo in Köln war, um die Rentnercops zu drehen oder seine Freundin Ute zu besuchen. Sie hatten seit HOLGER SACHT NIX zueinander gefunden und sich dann endlich füreinander entschieden. Eine späte und sehr glückliche Liebe bis zum Schluss. Oft erzählte er Privates aus seinem früheren Leben, seiner Familiengeschichte und den Themen, die ihn bewegten. Immer wieder betonte er, dass das Thema „Schuld“ ein sehr zentrales Thema in seiner Familie eingenommen hatte. Auch seine gescheiterte erste Ehe hat er damalsin seinem sehr amüsanten Roman „WILLI MEERKATZ WIRD VERLASSEN“

verarbeitet. Trotz seiner Schicksalsschläge hat Tilo niemals den Mut verloren und den Spaß am Leben schon gar nicht. Als wir endlich im Oktober 2018 zusammenkamen, um die

Dreharbeiten zu ALTE BANDE vorzubereiten, war Tilo gerade mit Dreharbeiten zu OSTWIND fertig und hatte zuvor noch eine Staffel Rentnercops gedreht. Er brauchte dringend 2 – 3 Wochen frei, um sich zu erholen und auch um sich auf die Rolle vorzubereiten. Ein durchaus legitimer Wunsch mit 78 Jahren. „Tilo Prückner war einzigartig -

seine offene und direkte Art hat Türen und Herzen geöffnet.“


Er war wohl der meistbeschäftigte Rentner; alles lief für ihn rund - privat sowie auch beruflich. Als dann endlich die Dreharbeiten begonnen hatten, trafen die beiden alten Freunde zusammen, und man merkte, dass sie sich schon sehr lange sehr gut kannten.

So kam es auch immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen, die man eigentlich nur von alten Ehepaaren kennt. Beide haben sich endlos respektiert, und deshalb war man gegenseitig gnadenlos mit der eigenen Meinung zu kreativen Prozessen. Abends saß man dann wieder vereint beim Abendessen, meistens mit einer guten Flasche Wein. Es war ein wunderbares Erlebnis, die beiden Altmeister bei der Arbeit zu sehen - wie dieser immer

andauernde Wettkampf um die beste Idee anhielt und es einem nie langweilig dabei wurde.


Im Oktober 2019 haben wir den Film ALTE BANDE auf dem Filmfestival in Köln gemeinsam mit Tilo Prückner und Mario Adorf präsentiert und uns sehr gefreut, dass wir es nach vielen Jahren geschafft hatten, diese beiden wunderbaren Schauspieler noch einmal im Film zusammenzubringen. Im Oktober hat Tilo auch seinen 79. Geburtstag groß mit Freunden gefeiert und das aber auch nur, weil ihn alle gedrängt haben. Denn eigentlich sollte zu seinem 80. Geburtstag 2020 die große Sause stattfinden. Aber wie immer hat er die richtige Entscheidung getroffen und einfach seinen 79. mit viel Spaß gefeiert und somit dem Virus ein Schnippchen geschlagen. Am 02. Juli 2020 traf uns dann die sehr traurige Nachricht,

dass er uns hier zurückgelassen hat und nun weiterzieht in eine andere Welt. Er lebt weiter in seinen Filmen und wird mir wie auch uns allen immer wieder ein kleines Lächeln bescheren.


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